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Flamenco

Unter Flamenco wird die Art des Musizierens, Singens und Tanzens in Andalusien verstanden.

Der schreiende, klagende Gesang, Gitarrenmusik, Rhythmus durch Klatschen und der eigentümliche Tanz mit stolzen Armbewegungen und Rhythmuserzeugung durch tanzende Füße sind dafür kennzeichnend. Man bezeichnet den Flamenco als temperamentvoll, würdevoll und stolz.
Will man dem Flamenco auf die Spur kommen, so kommt man nicht umhin, sich ein wenig mit der Geschichte der Roma auseinander zu setzen. Man sagt, die Roma seien die Väter und Andalusien ist die Wiege des Flamenco. Die spanischen Roma nennen sich selbst Gitanos.

Flamenco heißt eigentlich „flämisch“.

Es gab viele Versuche diesen Begriff zu erklären. Die überzeugendste Erklärung hierfür ist aber, dass sich im 17. Jahrhundert in den andalusischen Bergen und Dörfern Gitanos (spanische Roma) niederließen, deren Söhne beim flandrischen König gedient hatten. Sie hatten 1602 königliche Schutzbriefe von Phillip III. in Valladolid erhalten, in denen ihnen zugesichert wurde, jederzeit nach Flandern zurückkehren zu dürfen, und dass Gesetze, die sich gegen die Zigeuner richten, keine Anwendung auf sie fänden. Die Roma wurden immer schon verfolgt, und in Spanien war es ihnen zu dieser Zeit verboten, sich niederzulassen und Pferdehandel zu betreiben.  Anders die Gitanos mit den Schutzbriefen, die Wert darauf legten, dass sie flandrischer Herkunft sind und sich von den anderen Gitanos unterscheiden. Wo sie sich niederließen wurden sie die Flamen, „Flamencos“ genannt. Diese umgangssprachliche Bezeichnung dehnte sich wohl auf alle „priveligierten“ Gitano- Familien aus.1
Caló, die Sprache der andalusischen Gitano gehört zur neuindischen Sprache des Sanskrit, wie das Hindi. Sprachwissenschaftler gehen deshalb davon aus, dass die andalusischen Gitano eine Gruppe der Roma sind.2 Als „Rom“ bezeichnen sich einige heute immer noch, die Gelehrten A.F. Pott und Frank Miklosich vertraten die Ansicht, das Wort „roma“ kommt von „doma“ welches die niedrigste Kaste, die der Musiker und Sänger, bezeichnet.3

Flamenco ist jung

Der Flamenco ist, so wie wir ihn heute kennen, noch sehr jung, er beginnt er erst Mitte des 19. Jahrhunderts. Doch findet man seine "Ahnen" bereits im 18. Jahrhundert in Andalusien. Gehen wir ein wenig den Spuren des Flamenco nach:
Andalusien war von 710 bis 1492 stark vom Islam geprägt, man nannte es „Al-Andalus“. Die Mauren (arabisch geführte Truppen, die überwiegend aus Berbern bestanden) brachten neben ihren schnellen Pferden auch ihre Musik- und Tanzkultur mit. Zudem lebten dort Juden und Christen und bereits im 15 Jahrhundert sind Roma in Andalusien belegt. Al Andalus war also bereits ein Schmelztiegel der Religionen und Kulturen. Wo immer die Roma waren, traten sie als begabte Musiker und Tänzerinnen hervor. Ihre Musik und ihren Tanz passten sie zum einen der jeweiligen Region an und vermischten ihre eigenen Traditionen mit denen vor Ort.4 So auch in Andalusien, wo bereits im 15 Jahrhundert die ersten Roma belegt sind.


Der Flamenco hat Bewegungen mit einem stark orientalischen und spanischen Unterton. Doch es gibt Elemente, die sind weder im Europäischen noch im Nordafrikanischen zu finden und scheinen direkt aus Indien zu kommen: Die kontrollierte Fußarbeit (Zapateados), mit der der Rhythmus getanzt wird und die Finger- und Armbewegungen sind heute noch im Indischen Tanz zu finden.5 Der zwölfschlägige Rhythmus entspricht den raga aus Indien.6

Heut zu Tage wird häufig davon ausgegangen, dass die Zapateados, die Fußarbeit im Flamenco, ursprünglich von den Männern eingebracht wurden und die Frauen vorwiegend den Tanz mit den Armen ausführten. Es ist jedoch auch zu beachten, dass viel im Flamenco auf die Gitanos, die indischer Herkunft waren, hinweist. Und deshalb ist auch nahe liegend, dass die Zapateados ihren Ursprung im indischen Tanz (Bharatanatyam, insbesondere dem Kathak) haben.  Der Kathak ist dem Flamenco bezüglich der rhythmischen Fußarbeit sehr ähnlich. Der Indische Tanz wurde aber von den Tempeltänzerinnen getanzt. Somit kann man davon ausgehen, dass die Zapateados ihren Ursprung noch weit vor dem klassisch spanischem Tanz, und den alten andalusischen Volkstänzen, denen sie oft zugeschrieben werden, hatten. Auch wenn die Frauen wohl zeitweise die Zapateados nicht ausführten, scheint es nahe liegend, dass es die indischen Tempeltänzerinnen waren, welche die Grundlage für die, für den Flamenco so typischen, Zapateados gelegt haben. Doch wie so oft, gibt es nicht die Eine Wahrheit und von uns war keiner dabei. Weltweit gab es immer wieder zeitgleich und zeitversetzt unabhängig voneinander gleiche Entwicklungen. Darum können immer auch mehrere Vermutungen zutreffend sein.

 

Tanz heißt Lebensfreude

Das Wort Tanz kommt vom Sanskrit- Wort „tanha“ was so viel wie „Lebensfreude“ bedeutet. Tanz war einerseits Unterhaltung, und andererseits ein Teil der heiligen Zeremonie in den Tempeln. Im Tanz wurde das für die Menschen Wichtige dargestellt und man benutzte Tanz um in einen spirituellen Zustand zu gelangen.7 Die Roma kannten noch Teile der antiken Tänze. Weil sie am Rande der Gesellschaft lebten und umher zogen, mussten sie ihre Identität über das definieren und erhalten, was sie von ihren Ahnen kannten. Bei ihnen blieben Überbleibsel alter heidnischer Kulturen am Leben. Sowohl für die eigene Religion als auch zur Unterhaltung und zum Geldverdienen tanzten die Roma. Die Musik und der Tanzstil des jeweiligen Gastlandes beeinflussten den Tanz und so verwoben die Roma ihren Tanz mit dem Volkstanz der Andalusier. Auch heidnische Zeremonien wurden passend zum Glauben der Gastländer angepasst.8 So bekam die Sara-Kali den christlichen Hintergrund der Jungfrau Maria, bzw. wurde zur heiligen Schutzpatronin der Roma und Gitanos, und wird noch heute beim jährlichen Treffen der Roma im Mai in Saintes-Maries-de la Mer- als schwarze Sara-Maria ins Meer getragen.

Zambras und Ihre Bedeutung

Zambras war früher die Bezeichnung für maurische Feste, bei denen getanzt und musiziert wurde. Die Gitanos marschierten bei den Prozessionen hinter den Zambra tanzenden Mauren her.9
Heut zu Tage gibt es Hinweise, dass mit Zambras (Mora oder Mouresqua), Flamenco Lieder und Tänze, die von den Gitanos aus Sacromonte stammen, gemeint sind. Das Typische hierfür ist das Klatschen und Anfeuern, das auch in allen anderen Flamencoformen zu finden ist. Oberhalb des jüdischen Viertels Albaycín in Granada findet man die Höhlen von Sacromonte. Dort ließen sich Roma nieder. Um 1900 zählte man dort 660 bewohnte Höhlen. Die Wohnhöhlen der Gitanos nannte man „Zambra“. Nach getaner Arbeit trafen sie sich dort, um gemeinsam zu singen, zu tanzen, und mit Kastagnetten zu „lärmen“, zum Flamenco. Der Flamenco entstand an mehreren Orten Andalusiens, in Granada schreibt man die „Zambras“, einen Flamencostil, den Gitanos von Sacromonte zu. 10

Zambras können heitere und schwermütige Flamencos, im 12-er oder einem anderen Rhythmus, sein. Die Gitanotänze sind wild, ruckartig und es wird stark mit den Hüften getanzt. Zu den ´Zambras werden gezählt die Alboreá, Cachucha, Cantes des Cerro und Tangos. Allerdings weist nichts wirklich darauf hin, dass die Zambra mit der maurischen Tradition zusammenhängt. 11
Die heutigen Zambras und der Flamenco, den man in den Höhlen von Sacromonte sieht, ist für Touristen gedacht. Die Akteure professionalisierten sich und traten in Flamenco-Lokalen, sogenannten Tablaos auf.
Der Flamenco Gesang war ein Ausdruck des Gefühles und Privatsache, der Tanz allerdings hat sich schnell zur Show entwickelt, war Tanz doch immer schon auch eine Darbietung zum Gelderwerb, besonders beim fahrenden Volk.

Tanz der Tempel

Die Roma haben keine Städte gebaut und keine Monumente errichtet, sie hatten auch keine Kirchen. Sie haben auf ihre ganz eigene Art gebetet und Gottesdienst gefeiert und sich dabei auch immer mehr an die Gepflogenheiten der Region angepasst, in der sie sich längerfristig niederließen. Die spanischen Gitanos bezeichnen sich zum Teil als sehr religiös und sind heut zu Tage vorwiegend Christen. Zur Passionszeit wird auch öfter in Kirchen Flamenco gesungen und getanzt. Es liegt nahe, dass die Gitanos den Flamenco sowohl zur Unterhaltung als auch zum Gebet sangen und tanzten. Die sogenannten „Deblas“ sind Gesänge, die mit „debla barea“ enden, was so viel heißt wie „großer Gott“.

Beim Flamenco jondo (Bezeichnung gilt heute als überholt) ist eine interessante Struktur zu erkennen, die wie ein komprimierter Gottesdienstes wirkt. Diese Struktur findet sich übrigens auch beim orientalischen Tanz bei einer sogenannten „Routine“ wieder, beide dauern rund 12 – 14 Minuten.

Rhythmus und Stimmung

Die Flamenco puro - Stücke sind im 12er- Takt, und haben die Betonung auf 12, 3,6,8,10; Die Unterscheidung der Stücke geschieht durch die Stimmung, die Tonart, auch durch die Varianten, wie die Betonungen rhythmisiert werden. Eigentlich lebt der Rhythmus von den Pausen, die gemacht werden.
Ursprünglich war der Tanz und der Gesang der Gitanos heiter und zuversichtlich. Die Seguidilla beispielsweise war ein unbeschwertes Tanzlied, eine Romanze. Unterschiedliche Ereignisse im Leben der Gitanos, haben aber die Stimmung und die Inhalte des Flamenco geprägt.
1749 beschloss der Bischoff Oviedo, alle Gitanos fest zu nehmen, ihr Besitz wurde beschlagnahmt, Männer und Jungen ab 7 Jahren wurden als Zwangsarbeiter in den Werften der Kriegsflotte eingesetzt, alle anderen wurden in „Depots“ eingekerkert. Nun halfen auch die königlichen Schutzbriefe nichts mehr. Sie wurden in überwachten Unterkünften zusammengepfercht und durften ihre traditionellen Berufe, das Schmiedehandwerk, Pferdehandel, Korbflechterei, nicht mehr ausüben. Sie durften nicht mehr zusammen leben und ihren Aufenthaltsort nicht mehr wechseln. Auch hier gab es allerdings Familien, die unter dem Schutz des Königs Carlos III. standen und deren Familien von diesen Gesetzen ausgenommen waren. König Carlos unterschrieb 1749 das letzte "Zigeunergesetz" der Geschichte. Anfang des 19 Jahrunderts, im unterdrückten und ausgegrenzten Milleu der Gitanos wandelte sich der Flamenco. Aus der fröhlichen Seguidilla im ¾ Takt wurde die tragische Tochter Siguiriya, ein langsames Lied, das von Schmerz, Trauer und Tragik geprägt war. Die Seguidilla hatte aber noch eine „Tochter“, der heutige Volkstanz „Sevillanas“, ist immer noch im ¾ Takt und man erkennt in den 4 Strophen eine deutliche Struktur, die an das Menuett angelehnt ist.
Die ältesten Formen des Flamencogesangs sind die Tonás. Sie sind der Gesang der gefangenen Gitanos. Die Stimmung ist sehr tragisch, und verzweifelt, Tonás wurden früher nicht getanzt. Auch heute werden sie vorwiegend nur gesungen. Mit zu den Tonás gehören die Martinétes, die nur mit dem Schmiedehammer begleitet werden.
Man kann davon ausgehen, dass der Flamenco eine multikulturelle Co- Produktion unterschiedlicher Kulturen ist, die sich im Schmelztigel Andalusien zu einer besonderen Kunst geformt haben. Eindeutig schlägt jedoch im Flamenco das Herz der Roma, die damit ihre Schätze des Lebens zum Klingen bringen. Bereits im 15. Jahrhundert waren in Andalusien Roma angesiedelt und auch wieder vertrieben. Aus welcher Absicht und zu welchem Zweck auch immer Flamenco gesungen und getanzt wurde, er übt eine große Faszination aus und eröffnet ein Kaleidoskop an Varianten. Heute ist er eine Kunstform und ist seit 2010 Weltkulturerbe der UNESCO.
Copyright by Sigrid Kröger

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1) vgl. Bernhard Leblon; Flamenco; Palmyraverlag; 2001; S. 11-14
2)vgl.  a.a.O. S 23
3) vgl. Tomasevic`N.B. und Djuric; Roma Eine Reise in die verborgene Welt der Zigeuner; vgs verlagsgeslleschaft 1989; S. 25
4) vgl. Bernhard Leblon; Flamenco; Palmyraverlag; 2001; S. 24- 26
5) vgl. W. Bounaventura;Frauenbuchverlag; 1983; Die Schlange und die Spinx; S.22 und Leblon S. 69
6)vgl. Bernhard Leblon; Flamenco; Palmyraverlag; 2001; S. 25;26
7) vgl. W. Bounaventura;Frauenbuchverlag; 1983; Die Schlange und die Spinx; S.22
8) vgl. a.a.O. S.13-14
9 vgl. Bernhard Leblon; Flamenco; Palmyraverlag; 2001; S.69
10 vgl. Museo Cuevas del Sacromonte; Guide to know and love Sacromonte, Vaivén Paraíso; S.7-9
11vgl.  a.a.O.