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Der Schleier

Ungeachtet dessen, welche Bedeutung und Absicht das Verschleiern der Frauen in der heutigen Zeit hat, so war es in weit vorchristlicher Zeit

ein Privileg der weisen Frau. Der Schleiertanz war ursprünglich mehr als bloße Unterhaltung mit einem Accessoire. Medusa beispielsweise war der zerstörerische Aspekt der dreifachen Göttin. Sie war die Schlangengöttin, im ägyptischen „Maat“, im Sanskrit die Medha. Sie sagte: „Kein Sterblicher hat bisher den Schleier lüften können, der mich verhüllt.“ Denn sie war der Tod. In ihr Angesicht zu sehen, bedeutete zu sterben.1 Die griechische Göttin des Regenbogens, bei den Hindu die Kali-Maya, war die irdische Erscheinung der großen Göttin, in Form eines vielfarbigen Schleiers, des Regenbogens. Der Regenbogen war die Brücke zwischen Himmel und Erde und hinter diesem Schleier erschuf die Göttin die Welt in ihrer bunten Vielfalt.2 Einen besonderen Hinweis auf den Tanz mit dem Schleier gibt uns die Bibel, die den Tanz der Salome mit sieben Schleiern beschreibt, Der Tanz der (sieben) Schleier war ein bedeutender Bestandteil des heiligen Dramas, und ursprünglich der Willkommenstanz (Shalom) der Ishtar. Ishtar war die babylonische Himmelsgöttin. Die sieben Schleier bedeuteten die Schichten irdischer Erscheinungen, die abfielen, je mehr sie sich dem zentralen Mysterium der Tiefe nähern. Isis trug ebenfalls 7 Gewänder, denen die gleiche mystische Bedeutung zu kam.3

Die babylonische Himmelsgöttin Ishtar begab sich in die Unterwelt, um ihren Geliebten Tammuz zu befreien. Zu diesem gefährlichen Unterfangen musste sie durch 7x7 Tore. An jedem dieser Tore musste sie ein Pfand ihrer Göttlichkeit lassen, um sterblich zu werden. Am letzten Tor angelangt, hatte sie nur noch ihren letzten Schleier, das letzte Symbol ihrer göttlichen Macht. Mit diesem Schleier tanzte sie für Tammuz den Willkommenstanz, in dem sie sich verhüllte und enthüllte, (vielleicht auch überprüfte, ob er sie überhaupt noch erkennt.) Ishtars Abwesenheit verursachte auf der Erde Kälte und Unfruchtbarkeit. Erst als Ishtar Tammuz mit unter ihren Schleier nahm und sie sich liebend in den Armen lagen, konnte die Erde neu erblühen. Die Menschen erklärten sich so den Kreislauf der Jahreszeiten, und Leben, Tod und Wiedergeburt.4

Übrigens wurde früher während der jüdischen Hochzeit übe die Köpfe des Brautpaares ein Hochzeitsbaldachin, das sog. Huppah, (hebräisch „Zelt“) gehalten. Der Brauch stammte aus dem alten semitischen Matriarchat, als Frauen die Besitzerinnen des Wohnzeltes waren, und die Männer mit der Heirat die Erlaubnis bekamen ihr Zelt zu betreten. Auch in frühen angelsächsischen Hochzeitszeremonien wurde ein Schleier über das Brautpaar gehalten. Der Schleier symbolisierte offenbar das Zuhause der Frau.5 Ishtar nahm also Tammuz „wieder mit nach Hause“.

 

Copy S. Kröger

1 vgl. B. Walker, Das geheime Wissen der Frauen, Lexikon; dtV, 1996; S. 691- 692
vgl. B. Walker, Das geheime Wissen der Frauen, Lexikon, dtV, 1996, S. 461
3 vgl. a.a.O. S 943
4 vgl. a.a.O. S. 462-463
5 vgl. a.a.O. S. 430