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Bauchtanz - Orientalischer Tanz - Raqs-al Sharq (Tanz des Ostens)

Bauchtanz wird gerne als ältester Tanz der Menschheit bezeichnet. Diese Behauptung kann nirgendwo wirklich belegt werden. Tatsache ist, dass die Bewegung vor der Sprache da war, damit auch der Tanz vor der Musik. Bauchtanz, wie wir ihn heute kennen, ist wohl eher eine Kunstform. Allerdings wurde der

Tanz, bei dem die Hüften schwingen überall auf der Welt beschrieben, bei den Maori-Frauen in Neuseeland, als Hula auf Hawaii, in Afrika. Sicherlich hat er in unterschiedlichen Gegenden anders ausgegesehen, aber das Merkmal der Hüft- und Bauchbewegungen war wohl überall gleich. Man geht davon aus, dass genau dieser Tanz mit den schlängelnden Bewegungen und den kreisenden Hüften eine Funktion in den Ritualen und Zeremonien hatte. Er drückte die Geheimnisse des Lebens aus, wie die Menschen es damals verstanden. Es ist ein Trugschluss zu glauben, der Bauchtanz sei ausschließlich arabischer oder türkischer Herkunft. Vielmehr ist erstaunlicher Weise dieser sinnliche Tanz ausgerechnet im Orient, wo eine hohe und enge Moralvorstellung herrscht, am Leben geblieben.

Die weibliche Gottheit

Viele Funde untermauern, dass die Menschen viele Jahrtausende vor Christus an eine weibliche Gottheit glaubten. Die älteste weibliche Gottheit war die babylonische Himmelsgöttin Ishtar, (4.500 v. Chr.), die identisch war mit Astarte, Cybele, Aphrodite, Kore und Mari.1 Die ägyptische Göttin war Isis. Man dachte, das Leben wird von Frauen weiter gegeben, also sei es auch von einer Frau erschaffen worden. Dazu war Sexualität notwendig und hatte deshalb auch eine heilige Komponente. Die weibliche Macht und Spiritualität wurden im Bauchtanz ausgedrückt. Als die Kulturen komplizierter wurden, die Zivilisation und die männlich orientieren Glaubensrichtungen den Glauben früherer Zeiten ablösten, und auch die weibliche Sexualität verdunkelt wurde, verschwand auch die Bedeutung des Tanzes. Noch mehr, man musste ihn unterbinden, damit die heidnischen Überbleibsel verschwanden. Ausgerechnet in islamischen Gegenden blieb dieser Tanz am Leben. Sicherlich mit zu verdanken haben wir das den Zigeunerinnen - den Romas. (Das Wort Roma kommt von „doma“ der indischen Kaste der Sänger und Tänzer) Die Roma kannten offensichtlich noch Überbleibsel des antiken Tanzes und konnten damit ihr Geld verdienen. Da sie am Rande der Gesellschaft lebten und deshalb kaum gesellschaftlichen Kontrollen unterlagen, konnten sie weiter so tanzen, wie sie es kannten. Der Tanz wandelte sich mit dem Einfluss der Kulturen der Gegenden durch die die Roma zogen. In der Wüste gibt es noch Nomadenvölker, die nicht arabisch und nicht muslimisch sind. Auch bei ihnen blieb der Tanz lebendig. Beim Bauchtanz bewegt sich die Frau in einer Form und mit einer Freiheit, die im Islam und (auch im Christentum) nicht für sie vorgesehen war. Darum tanzten die Frauen eigentlich auch nicht für Männer, sondern unter sich. Die Geschlechtertrennung ermöglichte, dass die orientalischen Frauen unter sich wohl diesen sinnlichen Tanz weiter tanzten, im privaten Rahmen. Trotzdem gehörte die Bauchtänzerin damals, wie auch heute noch zu jeder Feier, was ihr eine ambivalente Stellung gibt. Einerseits praktiziert sie eine unangemessene Form der Bewegung und stellt sich und ihren Körper dar. Andererseits erfüllt sie eine Funktion für die Gesellschaft, weil sie der Sinnlichkeit Ausdruck gibt, was der Gesellschaft öffentlich verwehrt ist, und sie damit für Unterhaltung sorgt. Eine "anständige" Frau tanzt nicht vor (anderen) Männern. Somit muss die Bauchtänzerin eine nicht- verwandte, engagierte Künstlerin sein, damit Anstand und Ehre der Familie gewahrt bleiben. Eine gute Bauchtänzerin wird durchaus als Künstlerin gesehen, doch als Schwester, Frau oder Tochter will man sie häufig nicht haben. Eine Bauchtänzerin ist finanziell unabhänig, was ihr ermöglicht autonom zu leben. Mit der finanziellen Unabhänigkeit ermöglicht dieser Beruf der Tänzerin eine Freizügigkeit und Autonomie im Verhalten, die anderen Frauen verwehrt ist. Oftmals sind aber Tänzerinnen geschiedene Frauen, also "Schandflecken" für ihre Familie, die sich selbst versorgen müssen und nichts anderes als tanzen können. In den letzten 20 Jahren hat sich die Bildung der Frauen in einigen orientalischen Ländern, insbesondere in der Türkei, gewandelt, womit ihnen die Türe zum Berufsleben, und damit zum eigenen Einkommen und finzanziellen Unabhängigkeit offensteht.  Interessant ist aber auch, dass in den 80- ger Jahren in Ägypten auch Orientalinnen getanzt haben, und einige den Ruf von Stars hatten. In letzter Zeit, so sagt Dinah, eine der Startänzerinnen, die allerdings auch als skandalös gilt, würden sich die Tänzerinnen wegen des Imageproblems als Sängerin tarnen und zu ihrem Tanz singen. Nach wie vor gibt es regionale Unterschiede in den orientalischen Ländern, die die Stellung der Frau unterschiedlich definieren. Und es gibt auch Unterschiede in der Haltung gegenüber Bauchtänzerinnen in Deutschland, sowohl bei deutschem, als auch bei türkischem und arabischem Publikum.

Tanz als Kunst

Die Ehre der Familie ist im Orient wichtiger als die Interessen des Individuums. Eine Frau, die vor Männern tanzt ist keine ehrenwerte Frau, sie stellt  ihre Familie in schlechtes Licht. Und trotzdem, sehen wollen sie alle.2 Als Künstlerin erfährt die Bauchtänzerin Respekt und Anerkennung, aber als Frau und Mitglied des Kollektives, wird die Bauchtänzerin deshalb wenig geschätzt. Darum sind die Tänzerinnen, die bei orientalischen Feiern oder in orientalischen Lokalen zu sehen sind, häufig keine Orientalinnen. Die Zeiten haben sich gewandelt, im Zuge der mulitkulturellen Gesellschaften treten viele Orientalen den Tänzerinnen auch im gesellschaftlichen und alltäglichen Kontext ohne Vorbehalte und mit Respekt gegenüber, wie es Korona bei ihren türkischen, persischen und arabischen Freunden und Freundinnen und Veranstaltungen erlebt. Allerdings ist Korona auch keine Orientalin. Das orientalische Publikum unterschiedet zwischen Künstlerinnen, die bei niveauvollen Veranstaltungen engagiert werden und den „Bauchtänzerinnen“, die eher Animierdamen, manchmal sogar Prostituierten, gleichgesetzt werden, kaum Respekt und Anerkennung und wenig Gage bekommen. Orientalische Musiker haben das so beschrieben: Die Künstlerinnen sind zur Unterhaltung z.B. bei Hochzeiten, Beschneidungsfesten oder Jubiläen, Galas, Geschäftsessen, engagiert. Sie treten nach dem Essen als Programmpunkt auf. Die "Bauchtänzerinnen" erfüllen den Zweck, überwiegend männliches Publikum zu erfreuen,  es genügt "hübsch auszusehen". Derartige Auftritte werden in Kneipen, bei rein männlichem Publikum oder gar an Imbiss- Buden erwartet. Hier besteht keine Erwartung an einen anspruchsvollen Tanz.  Es ist sogar eher störend, wenn der Tanz anspruchsvoll gestaltet ist. Ein Wirt, der angemessen Gage bezahlt, erwartet eine Künstlerin. Soll die Tänzerin nur Trinkgeld vom Publikum erhalten, oder wenig Gage, die durch Trinkgeld aufgestockt werden soll, so sieht der Wirt die Tänzerin als "Stimmungskanone" zum Essen und Trinken. Das Warten auf ihren Auftritt und die Stimmung durch ihren Auftritt soll den Umsatz steigern. Je nach dem, wie eine Tänzerin sich präsentiert, wird sie bei Orientalen als Künstlerin oder "Bauchtänzerin" verstanden. Für eine Künstlerin gelten einige "Anstandsregeln". Eine Künstlerin tanzt nicht auf dem Tisch, wozu die Tänzerin von einer Männerrunde durchaus aufgefordert wird. Sie setzt sich nicht auf den Schoß von Männern und lässt sich nicht anfassen. Beim Tanzen geht sie nicht auf die Knie und schlängelt sich nicht auf dem Boden. Diesen "Bodentanz" tanzt eine Künstlerin nur in Distanz zum Publikum auf einer Bühne. Sie bückt sich nicht nach Trinkgeld und sorgt dafür, dass ihre Haare und ihr Kostüm (Schleier) in Abstand zum Publikum bleiben. Auch wenn die orientalische Tänzerin ein bauchfreies Kostüm trägt (in Ägypten übrigens mit Netz bedeckt), so lenken zu viele Einblicke das Publikum von der Kunst ab. Deshalb  trägt eine Künstlerin unter hochgeschlitzten Röcken, die viel Einblick erlauben, eine Pumphose. Wenn Orientalen Trinkgeld stecken, so ist das ein Zeichen von Anerkennung. Manchmal benutzen Herren das Trinkgeldstecken als Mittel zur Angeberei, etwa dann, wenn zu viel Alkohol konsumiert wurde und der Herr die Tänzerin betänzelt oder gar anfasst und sich dafür bejohlen lassen will. Um hier die Würde zu wahren, nickt man kurz und tanzt für das andere Publikum weiter. Der Tanz einer Künstlerin hat einen Spannungsaufbau, überzeugt durch Bewegungsvielfalt und Abwechslung, ästhetische Bewegungen, differenzierte Akzentuierung und Interpretation der Musik. Eine Künstlerin verfügt über Ausstrahlung und Würde.

Orientalischer Tanz

Die Bezeichnung „orientalischer Tanz“ ist ein Sammelbegriff für viele unterschiedliche Tänze aus dem Orient. So gibt es marokkanische Berbertänze, Raqs Tunsi, der tunesische Tanz, Baladi, der zur Folklore zählt, den Hagalla, ein Beduinentanz, oder Kashrilama ein türkischer Zigeunertanz im 9/8 Takt, oder den persischen Reistanz und eben den Raqs Sharqi, der weibliche Solotanz, der hierzu Lande als Bauchtanz oder Danse Oriental bekannt ist. 3
Dieser wird noch differenziert in ägyptischen Stil und türkischen Stil. Der Unterschied liegt darin, dass der ägyptische Stil Musik mit und ohne Gesang haben kann, und Beckenbewegungen von oben nach unten (nicht umgekehrt) erfolgen. Die Arme sind eher Rahmen für Bewegungen und die Schritte eher klein, wie auch sämtliche Hüftbewegungen. Der türkische Stil ist raumergreifender, das Becken darf nach vorne kippen, es gibt mehr Armbewegungen und die Schritte sind schneller.4
Der Bauchtanz ist inzwischen künstlerisch so weit entwickelt, dass diese Einteilung in Stile mittler Weile überholt ist. Diese anmutige Kunst hat so viel Eifer und Phantasie bei den Tänzerinnen hervor gebracht, dass es schade wäre, man würde den Tanz auf bestimmte Bewegungen dem Stil gemäß reduzieren. Korona tanzt deshalb eine Mischform, was ihrem Tanz eine unverkennbare eigne Note gibt und darum der "Korona- Stil" genannt wird.

Copyright by Sigrid Kröger

1 V. Walker, das geheime Wissen der Frauen; dtV.1996, S463
2 Wendy Bounaventura; die Schlange vom Nil; Zweitausendeinsverlag S. 7 - 50
3 vgl. Eva Marlowski, Sayed El Joker; Oriental Dance Art 2003;
4 a.a.O. S. 27 + 54